Programme und Phasen des Entdeckens



Erfinden, Innovieren und Zerstören als Programm

Michel Giesecke unterscheidet in seinem Buch über die Mythen der Buchkultur und die Visionen der Informationsgesellschaft 2002 drei Formen des Entdeckens:

„Entdecken₁
Mit bekannten Programmen neue Umweltausschnitte wahrnehmen und beschreiben (führt zu) quantitativer Erweiterung der Informationen und Modelle (Akkumulation) (führt zur) Bestätigung der etablierten Paradigmen
Entdecken₂
Neue Programme bei der Wahrnehmung und Beschreibung der Umwelt einsetzen (führen zu) alternativen Modellen der Selbst- und Fremdbeschreibung - Voraussetzung: Vergessen/Verwerfen der etablierten Paradigmen (Substitution)
Entdecken₃
Reflexive Systematisierung der durch Entdecken₁ und Entdecken₂ akkumulierten und veränderten Wissensbestände und Programme (führen zu) Einpassen der veränderten Selbst- und Umweltbeschreibungen in das alte Selbst- und Weltbild (Bewahren) (und zur) Identitätsbestimmung“ (Giesecke 2002, S. 113)

Diesen drei Formen des Entdeckens liegen die drei Dimensionen unserer Wandeltriade® zugrunde: Reformieren, Revolutionieren und Bewahren. Mehr zum Modell der Wandeltriade und dessen Anwendung in der Praxis auf meiner Website
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Wandeltriade

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Reformieren meint das Vermindern oder Vermehren eines Faktors, in diesem Falle die quantitative Erweiterung von Informationen, Wissen und Modellen über die Welt, genauer den Kosmos. Dabei werden bereits eingeführte und bekannte Verfahren und Methoden, also Programme eingesetzt. Die Entdecker sehen sich in einem kontinuierlichen Prozess der Erweiterung des Wissens über den Kosmos, sie nutzen bekannte Verfahren, technische Geräte, wissenschaftliche Modelle und Grundannahmen und wenden sie auf andere als die bisher bekannten Objekte und Bereiche der Umwelt an.

Revolutionieren in diesem Kontext meint, dass neue Programme eingesetzt werden, die bisher nicht bekannt sind, also neue Programme erfunden werden, mit denen die Umwelt betrachtet und untersucht wird. Das führt zunächst dazu, dass die Umwelt als überkomplex oder chaotisch wahrgenommen wird und sich die alte Ordnung des Wissens auflöst. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, die alten Programme, die daraus resultierenden Grundannahmen, Weltbilder, Überzeugungen und Wahrheiten zu verwerfen und durch neue zu ersetzen. Dass dies von den Entdeckern selbst häufig nicht intendiert war und sie selbst in große innere Konflikte stürzte, kann man an mehreren Entdeckern sehen, die ihre Entdeckung nicht wahrhaben wollten. So bestand Columbus darauf, den westlichen Seeweg nach Indien entdeckt zu haben, nicht etwa einen neuen Kontinent, sondern einen kürzen als den bereits bekannten östlichen Seeweg. Guttenberg glaubte bis zum Schluss, dass er die Perfektionierung der Handschrift durch den Druck erfunden hatte, und Luther wollte ganz im Einklang mit den Kirchenvätern die Kirche reformieren. Alle waren dem alten Weltbild verhaftet und meinten lediglich Bekanntes zu optimieren, also mehr vom selben zu tun, zu reformieren. Welche enormen Auswirkungen und gesellschaftlichen Erschütterungen Entdeckung mit sich bringen kann, zeigt Galileos Entdeckung, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, um den sich alle anderen Planeten drehen.
Es gibt also Revolutionäre wider eigenen Willen und es gibt Persönlichkeiten, für die das der Antrieb ihrer Arbeit ist. Die nicht an Altem hängen und nicht in Loyalitätskonflikte, in große innere Bedrängnis kommen und angstvoll sind, wenn sie Altes zerstören und durch Eigenes ersetzen.

Bewahren in diesem Kontext meint, dass die durch die ersten beiden Formen des Entdeckens gewonnenen Erkenntnisse wahrgenommen, verbreitet, systematisiert und in Beziehung zu den bisherigen gesetzt und damit bewahrt werden. Es bilden sich neue Weltanschauungen neue Selbstbilder und schließlich auch neue Identitätskonzepte der Menschen, die diese Entdeckungen bewahren. Erst wenn die Verunsicherung und Kränkungen wie die zum Beispiel, dass die Menschheit nicht im Mittelpunkt des Universums steht, verarbeitet sind und sich der Widerstand gegen die neuen Theorien und Modelle verringert hat, kann die Entdeckung bewahrt werden. Die durch die Entdeckung ausgelösten disruptiven Prozesse bei den Menschen in der Gesellschaft und in der Wissenschaft müssen normalisiert und stabilisiert werden.

Zwanzig Jahre später die neue Einschätzung aus Michael Gieseckes Lexikon des NTD® und der Triprax: Als Erfindungen werden nur solche bezeichnet, die einen Faktor der Wandeltriade prämieren und Transformationen schaffen:

Entdecken, Erfinden =
Die praxeologische Version einer Dimension eines Faktors der Wandeltriade: Vernichten und Erneuern vs. der Faktoren Bewahren und Reformieren.
Das NTD schlägt - bis auf weiteres - vor, nur solche Transformationen als Erfinden zu bezeichnen, die den revolutionären Parameter: Vernichten und Erneuern prämiert. Im Alltag spricht man dann von Entdecken, Erfinden, Innovation, Schöpfung von Neuem u.ä.
Wenn die Transformationen zu einem Übergewicht von Bewahren und Wiederholen führen, emergiert zwar auch Neues, aber man wird den Wandel dann kaum als Entdecken qualifizieren."
Lexikonartikel der Website Triadische Praxis

Entdecken₁, die quantitative Ausweitung einer Entdeckung existiert weiterhin. Menschen, die in ihnen unbekannte Länder bereisen, die bekannt sind, entdecken sie für sich. Man entdeckt, dass sich mithilfe eines für einen selbst neuen Verfahrens, technischen Geräts oder Produkts Probleme des Alltags weitaus besser lösen lassen. Auch die Werbung hat das erkannt und fordert auf bestimmte Produkte zu ‚entdecken‘. Wenn alltagsweltlich von Entdeckungen gesprochen wird, handelt es sich meistens um diesen Typus.
Wenn Wissenschaftler bekannte Axiome, Modelle und wissenschaftliche Untersuchungsprogramme auf andere, noch nicht erforschte Untersuchungsgegenstände anwenden, dann handelt es sich ebenfalls um diesen Typ, auch wenn diese Forschungen als innovativ gepriesen werden.

Entdecken₃, die Bewahrung der Entdeckung kann man vielleicht als Phase der Entdeckungspraxis verstehen, die auf die Entdeckung folgt, als ihre Umsetzung in die Praxis einer wissenschaftlichen Disziplin oder in die alltäglicher Praxis der Menschen, zum Beispiel in ihre kommunikative. In der derzeitigen Medienrevolution lernen die Menschen, welche ihrer bisher genutzten Medien durch neue ersetzt werden können, zum Beispiel postalische Briefe durch E-Mails, WhatsApp oder Skype. Die Auswirkungen auf das Selbst- und Weltbild sind deutlich spürbar, so sind wir jetzt alle beständig vernetzt und zwar global.

Entdecken₂ Auf dieser Website werden Entdecker, die diesen Programmtypus prämieren, der Transformationen schafft, revolutioniert, vernichtet und ersetzt, innovativ ist und disruptive Prozesse in Gang setzt, vorgestellt.

Entdecken₂ ist immer Transformation
Was sind in unserem Verständnis Transformationen? Was haben sie mit Wandel tun? Hier das Stichwort aus dem Triprax Lexikon:

"Transformieren = geplantes Verwandeln in menschlicher Praxis.
Als Teil der Welt und des Kosmos unterliegt jede Praxis, ganz gleich, ob von den Beteiligten gewollt oder nicht, einem Wandel. Sie verwandelt sich und andere Dinge. Es ist sinnvoll, diesen Wandel von dem Transformieren von Dingen zu unterscheiden, die das mehr oder weniger explizite Ziel einer Praxis sind. Hier wird dann die Praxis zum Subjekt, zum Transformator.

Charakteristisch für die praxeologische Sicht auf den Wandel ist die Unterscheidung zwischen dem sich hinter dem Rücken der Beteiligten vollziehenden Wandel und dem durch Programme mehr oder weniger bewußt in Gang gesetzten Verwandeln vor allem der Objekte der Praxis, dem 'Transformieren'.

Transformation als Modell und Transformieren als Programm sind zentrale Kategorien des NTD.

Typen des Transformierens:
von Materie in Materie = Stoffwechsel;
von Bewegungsenergie in Materie, z.B. Schmieden; (Begriff der Physik)
von Information in Information = Informationsverarbeitung;
von Information in Materie, z.B. Schreiben
usf."
Link zu Transformieren
Link zu Transformation

'Transformieren' ist ein Metaprogramm wie 'Komplexitätsbewältigung', Wahrnehmen, Denken und Handeln' oder 'Wandel gestalten', das in vielen hierarchisch darunter anzusiedelnden Programmen angewendet wird, so wie hier im Programm Entdecken₂. Diese vier Programme liegen auf der höchsten Abstraktionsstufe des Neuen Triadischen Denkens.
Transformieren ist geplante Verwandlung von Objekten und des sich ohne menschliches Zutun immer vollziehenden Wandels durch individuelle oder soziale transformierende Praxis. Transformieren braucht "ein mehr oder weniger explizite Ziel", Entdeckungspraxis hat meiner empirischen Untersuchung nach immer ein Ziel.
Aus einer früh entstehenden Faszination für ein Phänomen entsteht bei Entdeckern rasch oder mit der Zeit ein Ziel. Sie wollen z.B. die elektronische Übertragbarkeit von Sprache erkunden und Mittel dazu erfinden wie Philipp Reis, der einer der Erfinder des Telefons ist. Sie wollen einen Rechenautomaten erfinden wie Charles Babbage, der die mühselige Arbeit der noch am Beginn des 19. Jahrhundert tätigen "Rechenknechte" an Logarithmentafeln automatisieren und ersetzen soll. Sie wollen die erste Besteigung eines Gipfels ohne Sauerstoff schaffen wie Reinhold Messner oder wie Semmelweis die Ursache für das tödliche Kindbettfieber finden. Das unterscheidet ihre Entdeckungen von zufälligen, nicht intendierten und ungeplanten.

Alle Entdeckungsprozesse mit revolutionärem Ergebnis schaffen neuartige Transformationen von Information, Materie und Bewegungsenergie.
Das kann die Transformation von Informationen durch Denken (im Denkraum) in Daten und dann in wissenschaftliche Modelle oder Gesetze sein. Es kann die Transformation von Materie in Energie und umgekehrt sein, mit der sich viele naturwissenschaftlich arbeitende Entdecker beschäftigt haben.

Zurück zu den drei Programmen des Entdeckens.
Triadische Entdeckungspraxis ist das Produkt aus allen drei Programmen des Entdeckens. Sie führt alle drei Prozesse zusammen. Ideal ist es, wenn die Entdecker in der Lage sind, ihre grundsätzliche und aufgrund ihrer Persönlichkeit gewählte Prämierung von Entdecken₂ und der Transformation der Dinge wechseln können, wenn die Entdeckung gemacht ist. Dann kann es um Entdecken₁, die quantitative Ausweitung einer Entdeckung oder um Entdecken₃, die Bewahrung der Entdeckung gehen. Letzteres bedeutet, dass es um das Verbreiten der Entdeckung geht und darum, deren Wirkung auf die Lehrmeinungen, die Identitäts- und Weltkonzepte zu beeinflussen. Das interessiert allerdings viele Entdecker nicht, sie widmen sich lieber ihrer nächsten Idee und beginnen einen sie eher beglückenden und befriedigenden Prozess des Entdeckens als dass sie etwas tun, was nicht ihren Karriereanker bedient. Ein schon fast extremes Beispiel dafür ist Nicola Tesla, der nach eigenem Bekunden etwa 600 Erfindungen gemacht hat. (Meine Erfindungen - Autobiographie 2019)

tar_05, id118, letzte Änderung: 2023-05-03 09:42:46

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